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Die Geschichte oder „Der Junge Hayrullah“
Im Jahr 2004 eröffnete ich in Zusammenarbeit mit der Jugendabteilung des heimischen Sportvereins, gemeinsam mit einem Kollegen, die Ballsportgruppe „Bambinis“, die sich schon innerhalb kürzester Zeit größter Beliebtheit erfreute. Im Jahr 2006 traf ich den damals x-jährigen Jungen Hayrullah, dem seit seiner Geburt der linke Arm (kompletter Unterarm inkl. Hand) fehlte. Ich lud ihn zum Handball-Training ein.
Ein einarmiger Junge spielt Handball?Hayrullah war im Training sofort Feuer und Flamme ... es gab nichts, wofür er sich nicht begeistern konnte. Mein Training besteht aus verschiedenen Einheiten: Fangspiele, Geschicklichkeit, Balance, Ballkontakte mit verschiedenen Bällen in verschiedenen Größen und Materialien, Koordination, Kondition, vor allem aber aus viel Begeisterung und Spaß. Bei kleinen Unsicherheiten vertraute Hayrullah mir, nahm Hilfestellungen an und gewann von mal zu mal mehr an Sicherheit, Vertrauen und vor allem an innerer Stärke und Selbstbewusstsein. Die Integration in eine „gesunde" Gruppe war kein Problem, denn das gemeinsame Spiel und der Spaß am Sport verband die Kinder und seine Leistung wurde von allen anerkannt. Seit 2008 spielt Hayrullah nun bei den sogeannnten „Handball-Minis“ mit. Auch in diesem Training werden die oben genannten spielerischen Einheiten eingebaut, aber es wird eben schon richtig Handball gespielt. Die Kinder lernen prellen, werfen, fangen im Stand und im Laufen, sie machen schon echte Ballspiele und sie nehmen an manchen Wochenenden für 2-3 Stunden an Handball-Spielfesten mit umliegenden Vereinen teil. Auch hier war und ist bis heute eine unglaubliche Entwicklung bei Hayrullah zu sehen.
Ein einarmiger Junge spielt auf einem Handball-Turnier mit?Wir fragten Hayrullah, ob er auf die Handball-Turniere mitfahren wolle. Er wollte dabei sein, war aber zunächst sehr zögerlich, sich auf das Spielfeld zu stellen und gegen andere Kinder zu spielen. Die eigene Mannschaft kannte ihn und sein “Glücksärmchen“, aber die anderen Kinder eben nicht. Er fuhr 1-2 mal mit, saß im Trikot auf der Bank und schaute zu. Beim dritten Mal war er mental schon so gewachsen, dass er mit auf das Spielfeld ging und auch Ballkontakte hatte. Stolz war er und glücklich! Als ein anderer Junge ihn „sportlich“ angriff, weil Hayrullah den Ball hatte, hörte man die erstaunte Frage des Jungen „Hey, wo ist Dein Arm?“. In solchen Situationen ist er inzwischen unglaublich stark geworden, weil er eben als gleichberechtigter Sportler auf dem Feld steht. Die anderen Kinder hatten zunächst gar nichts von seinem Handicap bemerkt, weil er genauso gut spielte wie sie selbst. Und als ihnen schließlich auffiel, dass er mit nur einem Arm Handball spielte, war Erstaunen, Ungläubigkeit und schließlich Respekt und Achtung vor Hayrullahs Leistung zu spüren.
Ein einarmiger Junge ist der beste Werfer in einer Mannschaft von gesunden Kindern?Hayrullah ist inzwischen der beste Werfer mit dem festesten Wurf in seiner Mannschaft. Dies hat er nicht zuletzt durch seinen eisernen Willen, seine Ausdauer und seinen Mut erreicht. Seine Erfolgsmomente im Sport wiederrum stärken ihn innerlich, geben ihm Kraft und Selbstbewusstsein. Er kann einfach stolz auf sich sein! All das sind positive Erfahrungen, die vor allem Handicap-Kinder im Sport machen sollten. Mit dieser Stärke können sie sich auch den alltäglichen, aber auch neuen Herausforderungen stellen – sei es im Sport, in der Schule oder zu Hause – denn sie wissen, dass sie es schaffen können. Die Kinder lernen jedoch auch, dass man im Team arbeiten muss, um gemeinsam Erfolg haben zu können, dass jeder Einzelne bestimmte Stärken hat, die in einer Mannschaft von Bedeutung sind. Sie stehen nicht allein, sondern sind ein tragender Teil des Teams – ganz gleich, ob sie nun Erfolge verbuchen können oder aber Niederlagen einstecken müssen. Denn auch eigene Grenzen zu erkennen, Niederlagen akzeptieren und den Vergleich mit anderen Kindern aushalten zu können, muss erst einmal gelernt sein. Gerade Handicap-Kinder sollten diesen Erfahrungen mit einem gesunden Selbstbewusstsein begegnen können.
Ein einarmiger Junge schwimmt?Auf meine Frage im Mai 2009, ob er schwimmen könne, erntete ich von Hayrullah wieder fragende Blicke und Ungläubigkeit: „Wie soll das denn gehen?“. Ich lud ihn eine, mir mir schwimmen zu gehen, denn ich war überzeugt, dass er genauso wie jedes "gesunde" Kind schwimmen lernen könne. Schließlich konnte ich ihn motivieren, mich ins Schwimmbad zu begleiten. Hayrullah eroberte sich trotz seiner Ängste bereits nach kurzer Zeit Schritt für Schritt das Element Wasser: 1. Rutschen: Er war noch nie gerutscht ... er vertraute mir, ich rutschte vor, ich hielt ihn fest, er überwand seine Angst und er rutschte. Mit jedem Rutschen wurde er mutiger und er wurde immer schneller … bis er schließlich sogar auf dem Bauch ins Wasser rutschte. Auch hier durchlief Hayrullah den gleichen Entwicklungsweg vom Nicht-können, sich die Leistung anschauen, sich motivieren lassen, sich trauen, es umsetzen, es schaffen bis zum Stolz und der Gewissheit, dass er alles schaffen kann, wenn er nur wirklich will. 2. Schwimmen: Nun will Hayrullah auch schwimmen lernen und kommt kurzfristig in einem Schwimmkurs von Bademeister Andreas Jung im Hallenbad Pohlheim unter. Auch hier eine extreme Entwicklung. Es war klar, dass er es schwerer haben würde, als die anderen Kinder im Kurs. Aber er wollte es unbedingt. Er musste härter als die anderen Kinder an sich arbeiten, seine Beintechnik musste 100%ig sein, um den Körper zu schieben und den fehlenden Arm auszugleichen. Keines der Kinder hat so im Wasser gestrahlt wie Hayrullah. Mit jedem Versuch wuchs sein Selbstvertrauen, sein Stolz, und er gewann für sich die Gewissheit, dass er am Ende des Kurses würde schwimmen können. Selbst die Bedenken aus seinem Umfeld, dass er am Ende nur enttäuscht sein werde, wenn er eben doch nicht schwimmen lernt, konnten Hayrullah nicht entmutigen. Auf eine entsprechende Bemerkung hin machte er nur eine wegwerfende Handbewegung, stieg ins Wasser und schaffte die erforderliche Leistung für das Seepferdchen-Abzeichen. Und weil es ihm so viel Spaß gemacht hatte, sprang er gleich wieder ins Wasser und schwamm die Strecke noch einmal … und noch einmal. Innerlich um mindestens 30 Zentimeter gewachsen stieg er am Ende aus dem Wasser. Hayrullah hatte sich viel vorgenommen, viel gearbeitet, alles an sich motiviert, um die körperliche und mentale Leistung zu bringen und hat es schließlich geschafft. Durch den starken Willen, das klare, wenn auch weit entfernt scheinende Ziel zu erreichen, hat Hayrullah eine mentale Stärke entwickelt, die ihn das Unvorstellbare schaffen lies. |
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